Das achtjährige Gymnasium in Baden-Württemberg – die Schulen sind mit der Umsetzung allein gelassen!

Veröffentlicht am 07.06.2008 in Politik
Saskia Esken
Saskia Esken, SPD-Ortsvereinsvorsitzende Bad Liebenzell

7. Juni 2008

Die Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs von 9 auf 8 Jahre ist nun bald in allen deutschen Bundesländern angekommen. Die Verkürzung dient der Angleichung des Berufseinstiegsalters unserer Akademiker im europäischen Wettbewerb und ist deshalb durchaus sinnvoll.

In manch anderem Bundesland wurde dabei bis heute kein Komma aus den Lehrplänen herausgenommen, die bisher unterrichteten Inhalte werden nun einfach in 8 Jahre hineingepackt. Dass es dabei zu Stress und Überlastung kommt, ist nicht verwunderlich.

In Baden-Württemberg wurde die flächendeckende Einführung des G8 im Jahr 2004 begleitet von der Entwicklung und Einführung neuer Bildungspläne nicht nur für das Gymnasium, sondern auch für Grundschulen, Hauptschulen und Realschulen. Diese neuen Bildungspläne für das Gymnasium verkürzen nicht einfach den bekannten Stoff auf 8 Jahre. Sie sind dazu angelegt, einen Paradigmenwechsel der Unterrichtskultur einläuten, eine Entwicklung von der Stoffvermittlung nach Lehrplan zum zunehmend eigenständigen Kompetenzerwerb der Schüler. Die Bildungspläne machen es notwendig, dass die Gymnasiallehrer sich zum Lernbegleiter der von Natur aus neugierigen, selbstständig lernwilligen Schüler entwickeln. Weil aber die Schulleitungen und ihre Kollegien mit dieser Entwicklung weitgehend allein gelassen wurden und werden, Fortbildungen weder in ausreichender Zahl noch sowohl verbindlich als auch berufsbegleitend angeboten werden, werden an den Schulen noch in vielen Fällen die alten Inhalte mit den alten Methoden unterrichtet – nur eben etwas schneller. Übung und Vertiefung wird dann in die Familien verlagert. Das führt bei allen Beteiligten zu negativem Stress, und der hat in einer förderlichen Lernatmosphäre bekanntlich gar nichts zu suchen. Schwierigkeiten bereiten z.B. die vorgezogenen Fächer oder Inhalte wie
  • die zweite Fremdsprache in Klasse 6, die oft im unverändert analytischen Stil unterrichtet wird – dafür sind die 11-jährigen einfach zu jung. Einen kommunikativen Ansatz aber haben die Fremdsprachenlehrer in ihrem Studium nicht gelernt. Wo sind die notwendigen Fortbildungen dafür?
  • Geschichte in Klasse 6 – der didaktische Ansatz muss dem Alter angepasst werden
  • Physik in Klasse 7 – könnte nahtlos an Naturphänomene anschließen und wird doch in vielen Fällen mathematisch unterrichtet – ohne dass die Schüler dafür die mathematischen Grundlagen hätten.
  • Erörterungen in Deutsch in Klasse 8 – pubertierende 14-jährige können kein Thema von außen betrachten, und schon gar nicht ihr eigenes Inneres.
Wenn Schüler im Geist der neuen Bildungspläne unterrichtet werden sollen, müssen Lehrer systematisch fortgebildet werden für die passenden didaktischen Ansätze für die vorgezogenen Inhalte der Bildungspläne. Sie müssen Unterrichtsmethoden kennenlernen, die die Eigenständigkeit der Schüler fördern und moderne Methoden der Leistungsmessung. Notwendig sind aber auch pädagogische Kompetenzen z.B. für Klassenmanagement, Kommunikation und Moderation. Dieser massive Schulungsbedarf kann nur mit einem systematischen schulinternen Fortbildungskonzept gedeckt werden, das idealerweise in Fortbildungen vor Ort verwirklicht wird. Schulinterne Fortbildungen, die das gesamte Kollegium einer Schule einbinden, ermöglichen auch den dringend notwendigen Konsens über den fachlichen, didaktischen und pädagogischen Ansatz. Seit der Einführung von G8 ist in Baden-Württemberg die Zahl der Unterstufenschüler mit professioneller Nachhilfe auf das Dreifache angestiegen. Eltern geben in Deutschland pro Jahr 1 Milliarde Euro für Nachhilfestunden aus. Und auf der anderen Seite kann an den Schulen, die jetzt in das Ganztagsschulprogramm der Landesregierung aufgenommen werden, doch nur wieder die Halbtagsschule mit freizeitpädagogischer Nachmittagsbetreuung umgesetzt werden. Denn für die Umsetzung einer echten Ganztagsschule mit integrierten Übungs- und Vertiefungseinheiten, mit Stütz- und Förderunterricht fehlen die Mittel und fehlt das Personal. Nur damit wären die Eltern endlich als Hilfslehrer der Nation entlastet, die Familiensituation könnte sich wieder entspannen. Vor allem aber würde der Mut von Eltern, ihre Kinder in einem Gymnasium anzumelden, ebenso von der sozialen Herkunft bzw. der familiären Situation entkoppelt wie der Bildungserfolg der Schüler – ein wichtiges Ziel für die Zukunft unserer Gesellschaft, die es sich nicht leisten kann, weiterhin die Bildungschancen der Kinder an den Geldbeutel der Eltern zu koppeln. An den Schulen kann also bereits heute einiges zum Gelingen von Schule im Allgemeinen und des G8 im Speziellen beigetragen werden. Hierzu müssen
  • die Stundenpläne nach den Bedürfnissen der Schüler entwickelt werden und nicht wie überall zuerst nach dem Sportstättenbelegungsplan und dann nach den Bedürfnissen von Lehrern, die aus den Universitätsstädten an den Arbeitsplatz pendeln
  • die Inhalte der Schulcurricula und die didaktischen Ansätze an der Entwicklungspsychologie der Schüler orientiert werden
  • neue, die Eigenständigkeit fördernde Lernformen ermöglicht werden durch die Einführung von Projektarbeit, Planarbeit, Freiarbeit
  • Teambildung und eine positive Lernatmosphäre in den unteren und mittleren Klassen professionell unterstützt werden.
Insgesamt ist es an der Zeit, an den Schulen zu einer schülerzentrierten Sicht der Schulorganisation und des Unterrichts zu kommen, damit Schüler sich an einer Schule zu Hause fühlen können und gerne lernen. Unsere Zukunft braucht leistungsbereite und leistungsfähige starke Persönlichkeiten, die mit dem Hintergrund einer guten Bildung und auf der Basis einer ausgezeichneten Ausbildung ihren Beitrag zu einer gerechten, prosperienden Weltgesellschaft leisten. Wo sollen die denn wachsen, wenn nicht an unseren Schulen?
 

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