Kommentar der Woche: Zukunft des Kreises

Veröffentlicht am 10.02.2008 in Politik

10.2.2008

Am Freitag letzter Woche meldete der Schwabo: „Kreis Calw ist für Zuzügler nicht so attraktiv“. Dahinter steckt eine Erhebung des statistischen Landesamtes, nach der der Kreis Calw beim Zuzug auf Platz 36 von allen Kreisen liegt. Auch die Wirtschaftskraft des Kreises fiel in den Jahren 2001 bis 2004 ab, wie man der Studie „Trends und Fakten – Regionales Wirtschaftswachstum in Baden-Württemberg“ des statistischen Landesamts entnehmen kann. Man erkennt: Unser Wohlfühlkreis befindet sich im Tal.

In der Erhebung des statistischen Landesamtes geht es um das Zuwanderungssaldo der Stadt- und Landkreise Baden-Württembergs in den letzten zehn Jahren. Also die Anzahl der Einwohner des Kreises, die aus anderen Kreisen zugezogen minus der, die abgewandert sind. Für ganz Baden-Württemberg liegt der Zugewinn bei 2,8 Prozent, im Kreis Calw beträgt er 1,0 Prozent und wir liegen damit auf Platz 36 von allen Kreisen.

© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2008

Auch die Wirtschaftskraft des Kreises fiel in den Jahren 2001 bis 2004 ab, wie man der Studie „Trends und Fakten – Regionales Wirtschaftswachstum in Baden-Württemberg“ des statistischen Landesamts entnehmen kann. Sie veranschaulicht, wie sich die Wirtschaftskraft in den Regionen unseres Landes seit 1997 entwickelt hat. Man erkennt: Unser Wohlfühlkreis befindet sich im Tal. Schaut man sich das Zahlenwerk in der Studie genauer an, so erfährt man noch mehr: Während die Entwicklung des Kreises von 1997 bis 2000 noch durchschnittlich oder leicht unterdurchschnittlich im landesweiten Vergleich der Kreise ausfiel, nahm die Wirtschaftskraft in den Jahren 2001 bis 2004 sogar ab. Sie entwickelte sich deutlich unterdurchschnittlich und der Kreis fiel vom Rang 28 auf den Rang 38 (von 44 Kreisen) zurück.

="© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2008

Der Kreis Calw steht zwar momentan noch ganz gut da, das zeigen z.B. auch die Januarzahlen der Arbeitsagentur. Mit einer Arbeitslosenquote von rund 4,6 Prozent in den Geschäftsstellenbezirken Calw, Nagold und Bad Wildbad liegt der Kreis ziemlich genau im Landesdurchschnitt.

Die Frage ist aber, ob dies in Zukunft so bleibt. Die Frühindikatoren stehen auf Rot. Der Kreis kann sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Ihn zum „Wohlfühlkreis“ zu erklären reicht nicht aus, wir laufen Gefahr, die Zukunft als Schlafstadt für Daimler und Co. zu verschlafen.

Der Dehoga-Kreischef Helmut Schäfer beklagte auf dem Neujahrsempfang seiner Organisation im Januar fehlendes Gemeinschaftsgefühl und die Gastronomen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Tourismus ist für den Kreis eine Schlüsselbranche. Die Gäste kommen nicht mehr einfach so, man muss etwas dafür tun.

Schlicht verschlafen hat zum Beispiel der Kreis die Etablierung eines Studienganges Touristik in Bad Wildbad als Außenstelle der Fachhochschule Pforzheim. Andere Standorte (Bad Mergentheim, Schwäbisch Hall, Tuttlingen, Heilbronn) haben vorgemacht, wie man so etwas durchsetzt, auch wenn die betroffene Fachhochschule zunächst wenig Neigung zeigt und sich die Begeisterung im zuständigen Ministerium in Grenzen hält. Grundvoraussetzung ist, dass Alle, Kreis und Kommune, lokale Wirtschaft und ihre Verbände und die lokalen Landespolitiker an einem Strang ziehen und eine solche Aufgabe gemeinschaftlich angehen.

Zwar kann man in öffentlichen Verkehrsmitteln mit einem Fahrschein von Bad Wildbad bis nach Rastatt oder nach Bruchsal gelangen. Will man aber mit dem Bus von Oberreichenbach nach Althengstett fahren, muss man zweimal ein Ticket lösen und eine Menge Geld hinlegen. Der öffentliche Nahverkehr im Kreis wurde Ende 2007 im Kreistag erfreulicherweise problematisiert. Hier kommt es darauf an, schnell zu einem tragfähigen Gesamtkonzept zu kommen, das insbesondere die Anbindung des Kreises an den Verkehrsverbund Stuttgart mit einschließt.

Der Kreis hat sich selbst als „kinder- und familienfreundlich“ zertifiziert. Nun kommt es darauf an, diesem Anspruch gerecht zu werden. Zum Beispiel, indem er ein ortnahes, niederschwelliges Erziehungsberatungsangebot organisiert, ebenso wie etwa Schülerbeförderung zu erschwinglichen Preisen und ein ausreichendes Kinderbetreuungsangebot. Dann kann man darauf hoffen, wieder attraktiver für junge Familien zu werden und bessere Zuwanderungssalden zu erzielen.

Wir brauchen eine Bestandsaufnahme und eine Zukunftsplanung. In der Kreistagssitzung vom April 2007 wurde die Bildung einer Zukunftskommission 2020 angeregt. Es stünde dem Kreis gut an, sich externen fachmännischen Rat von Experten einzuholen, um zu einem in sich stimmigen und zusammenhängenden Planungskonzept für die zukünftige Entwicklung des Kreises zu kommen. Allerdings hat man seit vergangenem April im Kreistag nichts mehr von der Zukunftskommission gehört.

Richard Dipper

 

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