Kommentar der Woche: Schulstruktur - Die CDU im Kreis Calw hält verbissen am gegliederten Schulsystem fest

Veröffentlicht am 10.09.2008 in Politik
Dipper

10.9.2008

„Die deutsche Bevölkerung gibt dem Bildungssystem schlechte Noten: Fast jeder Zweite findet es ungerecht, eine deutliche Mehrheit plädiert dafür, dass Kinder länger gemeinsam lernen sollen - am besten sechs statt nur vier Jahre. Das zeigt eine neue Umfrage“ konnte man auf Spiegel Online vor einigen Tagen lesen. Umfragen, das langsame Dahinsiechen der Hauptschule als Schulform, die Aussicht, dass im Kreis Calw eine ganze Reihe von Hauptschulen kurz vor dem Kollaps stehen, lässt die CDU im Kreis völlig unbeeindruckt. Ideologisch hartleibig hält sie am gegliederten Schulsystem fest und erklärt: „Für unsere Kinder das Beste – das dreigliedrige Schulsystem.“

Im Juli lud die CDU im Kreis jedenfalls zu einer Podiumsdiskussion unter diesem Titel ein. Der Schwarzwälder Bote berichtete darüber in seiner Ausgabe vom 2.8.2008 mit der Schlagzeile „Die Realschule leidet unter ihrem eigenen Erfolg“ und dem Untertitel „kontroverse Diskussion: Experten debattieren über Vorzüge und Probleme des dreigliedrigen Schulsystems“. Von „kontrovers“ lässt allerdings der Artikel nichts ahnen, die geladenen Experten scheinen alle einer Meinung gewesen zu sein: Das dreigliedrige Schulsystem ist für unsere Kinder das Beste. „Das Handwerk steht zur Hauptschule“ meint Herr Volz von der Kreishandwerkerschaft laut Schwabo. Vor mir liegt die Broschüre „Zukunft der Hauptschule“ (Download) des Baden-Württembergischen Handwerkstags. Darin liest man:
  • „Eine „echte“ Zusammenlegung von Haupt- und Realschule könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein“.
Das baden-württembergische Handwerk sieht ein zweigliedriges Schulsystem keineswegs als Weißheit letzter Schluss, sondern stellt in derselben Broschüre klar:
  • „In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass zwei Schularten auf Dauer wenig sinnvoll sind“
und fordert eine längere gemeinsame Schulzeit für alle:
  • „Aus den dargestellten Gründen…..setzt sich das Handwerk für eine längere gemeinsame Schulzeit ein und hat sich für die Einführung einer 9-jährigen Grundstufe als Basisschule ausgesprochen“.
Herr Volz spricht also wohl kaum für das Handwerk, sondern allenfalls für die Kreishandwerkerschaft. Es wäre schön, wenn auch die Kreishandwerkerschaft ihrem übergeordneten Verband folgte und endlich realisierte, dass die Hauptschule als Schulform keine Zukunft mehr hat. Landtagsvizepräsidentin Vossschulte sieht gar die 68er-Generation am Werk, die einiges kaputt gemacht habe und die regierende CDU nötige, die Hauptschule wieder zu stabilisieren. Ich finde es immer wieder putzig, wenn die 68er für alles Böse in der Welt herhalten müssen. Hat nicht die Partei von Frau Vossschulte in den letzten 50 Jahren die Regierung in Baden-Württemberg gestellt? War Ihre Partei nicht imstande, den angeblich schädlichen Einfluss der 68er („einer kleinen radikalen Minderheit“) einzudämmen? Fakt ist, dass alle Ihre Rettungsaktionen für die Hauptschule (1975 „Aktionsprogramm zur Weiterentwicklung der Hauptschule“, 1984/85 „Programm zur Stärkung der Hauptschule“ 1992 „Einführung der Werkrealschule“, 1996 „Impulse Hauptschule“, 2008 „Kompetenzanalyse und Bildungsoffensive“) nichts genutzt haben. Die Eltern stimmen mit den Füßen ab. Gingen 1960 in Baden-Württemberg noch knapp 71 Prozent eines Jahrgangs zur Hauptschule, so waren es 1970 nur noch gut 53, in 2006 etwa 31 und im letzten Jahr knapp 28 Prozent. Im Kreis Calw stehen in vielen Kommunen Hauptschulen vor dem Kollaps, trotz der Bildungsoffensive der Landesregierung. Klassenteiler zu senken und neue Lehrer in 2009 einzustellen sind sicher richtige Maßnahmen, sie springen aber zu kurz und kommen zu spät. (Die Finanzierung der „neuen“ Lehrerinnenstellen ist zudem eine Mogelpackung, siehe Kommentar: Landesregierung schummelt bei "Bildungsoffensive"). Wir brauchen aber sofort mehr Lehrerinnen, und wir brauchen jetzt ein schlüssiges Gesamtkonzept. Was wir nicht brauchen, ist ideologisch verbissener Kampf für ein Schulsystem, was sich überlebt hat und offensichtlich zum Tode verurteilt ist. Schön, dass Herr Reich vom CDU-Stadtverband Nagold sich mit „der Opposition auseinandersetzen“ will, wie man im oben genannten Artikel liest. Noch schöner wäre es, wenn er sich mit der Realität der Schulen auch hier im Kreis auseinandersetzte und sich den unausweichlichen Konsequenzen stellen würde. Dann wäre er sich vielleicht mit der Opposition bald einig. Um das deutlich zu sagen: Es geht nicht vorrangig um Schulstruktur, sondern um den Systemwechsel in der Pädagogik und Didaktik. Schulstruktur ist zweitrangig, allenfalls Mittel zum Zweck. Sie allein wird es nicht richten, wie man aus den Ergebnissen des Schulkampfs vor dreißig Jahren sehen kann. Gesamtschulen, in denen dann die Kinder innerhalb der Schule sofort in angeblich homogene Leistungsgruppen sortiert werden und Lehrerinnen weiter Fächer statt Kinder lehren, bringen nichts. Die starre Binnenselektion in den Gesamtschulen setzte übrigens die CDU vor dreißig Jahren durch. Was wir wirklich brauchen ist der gesamtgesellschaftlicher Konsens, dass unsere Schulen eine individuell fordernde und fördernde Pädagogik kultivieren. Lehrer sollen ihre Rolle nicht als Belehrer von Klassen verstehen, sondern als Moderatoren individueller Lernbiografien unserer Kinder auftreten. Hat man einmal von der Illusion Abschied genommen, im gegliederten Schulsystem würden homogene Lerngruppen unterrichtet und erkennt man die Notwendigkeit des oben genannten Paradigmenwechsels an, ergeben sich die Konsequenzen für die Schulstruktur von selbst. Die frühe Selektion in Schultypen macht dann schlicht keinen Sinn mehr. Ganz herzlich Dipper Richard Dipper
 

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